SHG Chemikalien- und Holzschutzmittelgeschädigte
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Psychiatrisierung vermeiden
Multiple Chemical Sensitivity Schädigung durch Chemikalien
oder Nozeboeffekt ?
Germann, Dr. med. Peter
Ich betreue seit sieben Jahren intensiv Patienten mit MCS-Syndrom. Dadurch
habe ich mir ein klares Bild dieser Krankheitsentität machen können.
Dabei handelt es sich um Patienten, die sich dauerhaft krank fühlen,
eine große Zahl von Ärzten, Fachärzten und Therapeuten
aufgesucht haben, therapieresistent sind und auf geringste Konzentration
von Substanzen oder Medikamente starke vegetative, endokrine und immunologische
Reaktionen aufbauen. Diese Patienten werden zunehmend psychisch auffällig,
so daß eine entsprechende Therapie angezeigt ist, aber kaum zum Erfolg
führt.
Gezielte Blut- und Urinuntersuchungen werden in Labors durchgeführt,
die selbstverständlich an externen Qualitätskontrollen durch
die Erlanger Universität mit Erfolg teilnehmen. Dies betrifft vor
allem die Schwermetall-, Pestizid- und Lösemittelbestimmung.
Die Leukozytendifferenzierung als auch die Virustiterbestimmung zeigen
Regulationsstörungen auf, wobei Rückschlüsse auf die Immunlage
möglich sind. Das Verhältnis der Lymphozyten als auch die Höhe
des IL-2 geben differenziert Auskunft und haben unterschiedliche Therapiemaßnahmen
zur Folge.
Häufig findet man bei "normalen" Blutuntersuchungen sehr hohe
Titer auf HHV6, Herpes simplex, H. zoster, Toxoplasmose, CMV und EBV. Damit
lassen sich viele Störungen plausibel erklären, wenn auch die
Therapie sehr schwierig erscheint. So kann ich nicht verstehen, daß
die Autoren von einer Erkrankung sprechen, die keine objektiven Daten bringt,
und muß annehmen, daß sie keine verläßlichen Daten
aus der Praxis erhielten.
Zum zweiten ist es nicht möglich, objektive Daten zu einer funktionellen
Schädigung in dem Sinne zu erhalten, daß ich auschließen
kann, daß Substanzen eine entsprechende Muskelanspannung oder eine
Veränderung des Cortisolspiegels erzeugen oder nicht.
Ich finde es, nach allem, was ich mit diesen Patienten erfahren mußte,
unmenschlich, diese mit Stoffen zu konfrontieren, die offensichtlich starke
Reaktionen hervorrufen. Sicherlich können durch entsprechend aufwendige
Methoden auch Angstsyndrome behandelt werden, aber diese Klientel ist in
multiplen sensorischen Bereichen regulationsgestört. Sie dann schon
aus der Betreuung zu entlassen, wenn keine "objektiven" Daten vorliegen,
ist leichtfertig und diskriminierend. Es gibt zu wenig Daten über
diese Erkrankung und zu viele intolerante Reaktionen in Richtung Psychiatrisierung.
Andererseits gibt es in jeder Fachrichtung
psychosomatische Patienten, die eine Grunderkrankung belasten könnte.
Die IGUMED als auch die neu gegründete dbu (Deutscher Bundesverband
der Umweltmediziner) sind sensibel genug, um in
Zukunft Kriterien zu entwickeln, wie eine interdisziplinäre Betreuung
durchzuführen ist.
Literatur
1. Sparks PJ, Daniell W, Black DW, Kipen HM, Altman LC, Simon GE, Terr
AI: Multiple chemical sensitivity syndrome: A
clinical perspective part I and II. Journal of Occupational Medicine
1994; 36/7: 718-737.
2. Maschewsky W: MCS - wissenschaftlicher, sozialer und politischer
Stand. Arzt und Umwelt 1998; 11: 29-35.
3. Seidel HJ: Umweltmedizin. Thieme Verlag, Stuttgart.
4. Maschewsky W: Handbuch Chemikalienunverträglichkeit. Medi-Verlag,
Hamburg.
Dr. med. Peter Germann
Alzeyer Straße 65
67549 Worms
Quelle: Deutsches Ärzteblatt 95, Heft 28-29 (13.07.1998), Seite
A-1798 (Zu dem Beitrag von Prof. Dr. med. Karl Walter
Bock, Prof. Dr. phil. Niels Birbaumer
in Heft 3/1998)
MEDIZIN: Diskussion
ausgehängt von Bruno Peter Hennek,
Würzburg, den 02.04.99, Aushang 08.30 Uhr |
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