Historischer Überblick

von der Schmiede zur Welt-Firma

Die Zeiten haben sich geändert...

Während früher Mitarbeiter eher in den Betrieben mit einer Lebensanstellung rechnen konnten, wird heute angestrebt genau das durch rechtzeitige Entlassung zu verhindern!


Die Werke und Büros:

Im Jahre 1824 gründete Johann Matthias Noell (geboren 1800) mit einer "Schmiedeconcession" eine eigene Schmiede in der Neubaugasse in Würzburg.

Haupttätigkeit: Wagenreparaturen, vor allem für die Postdienste der Thurn und Tax'schen Postadministration in Würzburg. Nach der endgültigen Vereinigung des Großherzogtums Würzburg mit dem Königreich Bayern, 1814, war Würzburg ein Knotenpunkt für Post- und Eilkurierdienste.

Im Jahre 1851 wird am Rennwegtor in Würzburg eine Wagenhalle und Werkstätte errichtet. Das Werk wird als "Eisenbahn-Wagenfabrik" bezeichnet.

Erneute Neuerrichtung des Werkes am Gerbrunner Vizinalweg (heute Dürerstraße) im Jahre 1859 wegen der Enge des alten Werkes.

Um 1900 wird das Unternehmen in der Rennwegglacisstrasse 7 1/2 als  "Georg Noell & Co, Maschinen- und Eisenbahnbedarfsfabrik und Brückenanstalt" fortgeführt.

Im Jahre 1886 wird das neue Werk in der Aumühlstrasse/Nürnbergerstrasse/Urlaubstrasse bezogen, welches mit verschiedenen Umbauten/Erweiterungen bis 1973 besteht.

1933 feierte der WÜRZBURGER GENERALANZEIGER sein 50jähriges Bestehen mit einer dicken Jubiläumsausgabe die ich kürzlich von einem Bekannten bekommen habe, weil dort ein Beitrag von Kommerzienrat Dr. ing. Friedrich Noell über die Geschichte der Würzburger Industrie publiziert worden ist. Nachfolgend einige Scans über das Noell-Werk daraus: 

1945 werden große Teile des Werkes bei Bombenangriffen auf Würzburg zerstört.

Im Jahre 1948 beginnt der Wiederaufbau des Werkes.

Bild oben: Historisches Gebäude der alten Schmiede auf dem Werksgelände in der Nürnberger Strasse um 1958. In dieser Abteilung habe ich als Lehrling drei Monate die "Schmiedekunst" erlernt. Man hätte das hochinteressante historische Gebäude mit kompl. Ausstattung als ein Stück Industriegeschichte für Würzburg erhalten können. Leider ist es anders gekommen...


Gefolgschaftshaus mit Verbindungssteg zum Werk

1960 beziehen die Verwaltung und Technik das neue Verwaltungsgebäude an der Schweinfurter Straße.

1974 beginnt die Fertigung im neuerbauten Werk im Würzburger Stadtteil Dürrbachau an der Veitshöchheimer Straße, welches vom Salzgitter-Konzern errichtet worden ist.

Am 14. Oktober 1983 wird der Grundstein für das neue Verwaltungs- und Technikgebäude in der Alfred-Nobel- Straße gesetzt.

Werk und das Verwaltungs- Technikgebäude sind auch noch im Jahre 2002 in Würzburg in der Alfred-Nobel-Straße 20.

Die Eigentümer/Gesellschafter:

1824 Johann Matthias Noell (geboren 1800)
1970 Staatseigene Salzgitter AG
1989 Preussag AG nach Privatisierung der Salzgitter AG
1999 Babcock-Borsig AG rückwirkend zum 01.10.1998

 

Die Zerschlagung der

Preussag Noell GmbH

Vom Sanierungsversuch 1997 bis zur Zerschlagung des Unternehmens ab 1999...

Preussag Noell GmbH operiert weltweit mit 6888 Mitarbeitern, der höchste Belegschaftsstand war 1994/95 mit 8267 Mitarbeitern zu verzeichnen.

Insgesamt teilten sich die Aktivitäten in vier Geschäftsbereiche auf:

  • System- und Maschinentechnik

  • Energie- und Umwelttechnik

  • Prozesstechnik

  • Dienstleistungen

Insgesamt waren für die Gesellschaft 1997/98 fünf Geschäftsführer tätig. Die Geschäftsführer erhielten Gesamtbezüge von insgesamt 2.804 TDM, der 14köpfige Aufsichtsrat erhielt für seine Tätigkeit 128 TDM. 

Mitte des Geschäftsjahres 1995/96 wurde intern eine deutliche Ergebnis- verschlechterung im Kranbau/Hafentechnik erkennbar. Dies führte dazu, dass McKinsey bezüglich Unterstützung der bereits halbherzig eingeleiteten Restrukturierungsmaßnahmen von der Preussag AG und der Geschäftsführung der Preussag-Noell-Gruppe beauftragt worden ist. Darüber hinaus ist gleich mal der Bereichsleiter der Kranbau/Hafentechnik Ende Mai 1996 abgesetzt worden und ein Liebling der amtierenden Geschäftsführung  zum neuen Bereichsleiter ernannt worden.

Letzter Versuch die Noell-Gruppe zu sanieren:

Zum 01.01. 1997 werden von der Preussag Herr X und Herr Dr. Y als Geschäftsführer eingesetzt um das Unternehmen neu zu strukturieren und zu sanieren. Im Sommer 1999 kommt dann das Ende auch für diese beiden Herren, die den Job aufgeben müssen, vorher noch durften diese Herren die Pokale den Firmenfußballern übergeben...

Geschäftsbericht Ergebnis
(Mio. DM)
1993/1994 30,8
1994/1995 14,5
1995/1996 - 94,9
1996/1997 - 82,9
1997/1998 - 139,7

Insgesamt also ab 1995/1997ein Verlust von 317,5 Mio. DM.

Die Main-Post berichtete dagegen am 20.05.1999, dass die wahren Verluste allein im Geschäftsjahr 1997/1998 bereits 200 Mio. DM betragen hätten.
Die Welt berichtete am 18.07.2002 dagegen, dass die Gesamtverluste der Jahre 1994 bis 1998 ca. 1,5 Milliarden DM betragen hätten. Die Geschäftsführer haben jahrelang verlustbehaftete Projekte angenommen. Allein die Kalkulation des von der Gesellschaft erstellten Robert C. Byrd Staudamms ist um das 7fache überschritten worden.

Hans-Joachim Selenz (bis 1999 Chef der niedersächsischen Salzgitter AG) schreibt in seinem Buch "Wildwest auf der Chefetage" aus dem Jahre 2005 auf Seite 24:

"Im Geschäftsjahr 1995/96 versinkt der Anlagenbauer Preussag Noell in Verlusten: Das Planergebnis hatte bei 35 Mio. DM gelegen, die Planabweichung betrug im laufenden Geschäftsjahr minus 465 Mio. DM.

Xx.Xxxxxx Xxxxxxx-Xxxxxxx, der Chef von Noell, schied nach einem internen Streit mit Xx.Xxxxxxx am 24. Oktober 1995 bei einer Restlaufzeit seines Vertrages von  weniger als einem Jahr (Jahresgehalt: 320.000 DM) und mit einer selbst für die Verhältnisse der WestLB nicht unerheblichen Abfindung von 3,2 Mio. DM aus - eher ein Schweigegeld, aber als Abfindung mit reduziertem Steuersatz ausgezahlt. Als Chef des Anlagenbaus kannte er das komplexe Schmier- und Schwarzgeldsystem im Bereich der WestLB/Preussag-Gruppe zu genau. Träger von Herrschaftswissen musste man ruhig stellen."

Quelle: ISBN 3-86520-140-7 aus dem Jahre 2005, verlag Buch&media München

Dieser Betrieb arbeitete ohne Gewinn, das war zwar so nicht vorgesehen, es ist aber so gekommen...

Selbst die Stadt-Würzburg bedachte seinerzeit Noell nicht mit Stahlbauaufträgen, zum Beispiel mit dem Neubau einer Main-Brücke, diese Aufträge sind ins Ausland vergeben worden, statt die heimische Industrie zu stärken. Ehrlicherweise muss man aber hinzufügen, dass Aufträge seitens der Heimatstadt seinerzeit nur ein Tropfen auf dem heißen Stein gewesen wären.

Die Zerschlagung nimmt 1999 seinen Lauf:

Lokale Presse informiert die Bevölkerung:

MAIN POST vom 20.05.1999

Preussag Noell an Babcock Borsig AG verkauft

Kein Stellenabbau geplant

HANNOVER/WÜRZBURG (PG)

Seit gestern ist es schriftlich: Die Preusssag AG (Hannover) hat ihre, in der Preussag Noell und Preussag Wasser und Rohrtechnik vereinigten Anlagebauaktivitäten an die Babock Borsig AG (Oberhausen) verkauft. Außerdem übernimmt Babock die Hälfte der Anteile der Howaldtswerke Deutsche Werft AG (Kiel) von, dem hannoverschen Un­ternehmen. Im Gegenzug bekommt Preussag junge Babock-Aktien aus einer Kapitalerhöhung und hält dadurch nun ein Drittel an Babock. Dieser Verflechtung muß noch das Bundeskartellamt zustimmen.

Dr, Frank Laurich, Sprecher der Preussag AG, sagte auf Anfrage der Main-Post, daß der Verkauf keinen Stellenabbau in Würzburg mit sich bringe. Die Entwicklung von Preussag Noell werde bei Babcock besser vorangetrieben. um im internationalen Wettbewerb bestehen zu. können“, so Laurich.

 

Eben diese Größe hatte der Bereich: Anlagenbau bei Preussag nicht.
Der Unternehmenssprecher geht davon aus, daß Babock mit Preussag Noell ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen übernimmt und die Sanierungsmaßnahmen der letzten Jahre gegriffen haben. Preussag Noell arbeitete seit Jahren mit Verlust.

Im Geschäftsjahr 1997/98 betrug er fast 200 Millionen DM.
Insgesamt erhält Babcock Sachwerte von rund 415 Millionen DM. Die Konzerne hatten im März vereinbart, die seit Jahren verlustreiche Anlagenbausparte von Preussag dem Konzern aus Oberhausen zu überlassen. Im vergangenem Geschäftsjahr hatte Babcock Borsig mit einem Gewinn von 19 Millionen DM erstmals wieder schwarze Zahlen geschrieben.

Sprüche, Fakten und Folgen:

Im Juli 1999 schickt der Vorstandsvorsitzende der Babcok-Borsig AG Herr Prof. X seinen Vertrauten Y nach Würzburg, der sogleich die Geschäftsspitze bei Noell übernommen hat und die bisherige Führung in die "Wüste" schickte.

Dieser Herr Y rief die verbliebenen Führungskräfte noch vor den Feierlich- keiten zum 175 Firmenjubiläum zusammen und erklärte:

"Ich bin hier nicht hergekommen um das Unternehmen zu zerschlagen, sondern um dieses zu sanieren!"...

Kurz darauf schwebte Prof X höchst persönlich zu der Welt-Führungs- kräfteversammlung in der Zehntscheune des Juliusspitals in Würzburg ein und schaute jedem der Anwesenden ins Anlitz und erklärte mit hochgekrempelten Ärmeln: 

"Alle drei Monate bin ich persönlich bei Ihnen und schaue mir die Zahlen in Ihrem Bereich an. Machen Sie sich auf etwas gefasst!"

Man hat Prof. X dann noch einmal bei der Jubiläumsfeierlichkeiten auf der Feste Marienberg mit ähnlichen Sprüchen gesichtet, dann nie wieder!

Es war ein Kriminalstück (Die WELT!), wie es sich drei Jahre später zeigen sollte... Bereits Ende 1999 ist mit der Zerschlagung des damals 6888 Mitarbeiter zählenden weltweit operierenden Unternehmens Preussag Noell GmbH durch Babcock mit Prof. X und Herrn Y begonnen worden.

25. April 2002: Wyser-Pratte stellt Strafanzeige gegen Babcock Chef X wegen falscher Angaben auf der Hauptversammlung über seine Beteiligung an einem Beratungsunternehmen gestellt.

Juli 2002: Zu deisem Zeitpunkt war der Oberhausener Anlagenbauer Babcock Borsig AG offiziell pleite. Tatsächlich aber soll dies schon viel früher der Fall gewesen sein, meint Helmut Schmitz, der Insolvenzverwalter der Gesellschaft. "Bei Babcock ist die Insolvenz zu spät angemeldet worden", sagt er im Gespräch mit der WELT am SONNTAG. "Schon Ende des Jahres 2001 war Babcock in großer finanzieller Not." 

11. Juli 2002: Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Ex-Babcock-Chef X. Die Krise des insolventen Oberhausener Anlagen- und Maschinenbauers Babcock Borsig beschäftigt nun auch die Duisburger Staatsanwaltschaft.

ddp DUISBURG. Sie ist nach Angaben des zuständigen Wirtschafts- staatsanwalts Rolf Haferkamp dabei, Vorermittlungen gegen den früheren Babcock-Vorstandschef Klaus X einzuleiten. Die Staatsanwaltschaft gehe dem Verdacht einer Konkursverschleppung nach.

Im Laufe des Verfahrens wollten die Ermittler von Amts wegen auch den Verdacht prüfen, ob sich X der Untreue zu Lasten von Babcock Borsig oder einer Bankrotthandlung schuldig gemacht habe. Der Tatbestand
der Untreue könnte nach Informationen des Blattes möglicherweise durch den Verkauf der lukrativen Kieler Werft HDW erfüllt sein. Eine Bankrotthandlung
wäre gegeben, wenn eine drohende Überschuldung in den Büchern verschleiert worden wäre, so das Handelsblatt.

Tipp: Google - Babcock Insolvenz für noch mehr Informationen

Info: Müllabladeplatz Babcock

Info: Die Babcock Pleite

Ergebnis der Zerschlagung der Noell-Gruppe von 1999 bis 2002

Drei Jahre später nach der Babcock Insolvenz berichtet Die Welt:

"Der Preussag-Umbau fordert viele Opfer"

Das Debakel bei Babcock-Borsig hat eine lange verschlungene Vorgeschichte, die tief in die Preussag hineinreicht. Dabei geht es nicht zuletzt um massive Betrugsvorwürfe

Von Guido Heinen

Königslachse, Stahlkopfforellen, Zander – die Angler am Ohio River, direkt in der Nähe des Staudamms Robert C. Byrd, wissen, auf was sie hier hoffen dürfen. Dass der Staudamm, der ihnen dieses Fischvorkommen bietet, mit ein Grund für eine der größten Firmenpleiten im fernen Deutschland sein könnte, werden sie nicht wissen. Dabei ist das Projekt Robert C. Byrd, das die amerikanische Preussag-Tochter Noell Mitte der neunziger Jahre realisierte, Teil eines deutschen Unternehmenskrimis. An dessen Ende gibt es sogar eine Leiche: die Babcock Borsig in Oberhausen.

Das Kriminalstück, das im Wesentlichen in den Vorstandszimmern von WestLB und Preussag spielt und seit mehr als zehn Jahren läuft, beginnt im November 1989. Damals kauft die Preussag die staatseigene Salzgitter AG. Es ist einer der ersten großen Coups von Friedel Neuber (SPD), damals nicht nur Chef der Westdeutschen Landesbank, sondern auch Aufsichtsratsvorsitzender der Preussag. Wie so viele seiner Geschäfte ist auch dieses ein genialer Mix aus Wirtschaft, Politik und Unternehmensführung. Denn für den Kaufpreis von 2,5 Milliarden Mark erwirbt die Preussag ein Unternehmen, das allein 2,5 Milliarden Mark in der Kasse hat und im Kern wohl rund zwölf Milliarden Mark wert ist.

Flugs wird, damit der Deal nicht allzu anstößig daherkommt, ein Gutachten bestellt. Darin testieren Wirtschaftsprüfer der damaligen „Treuarbeit“ dem Unternehmen einen Wert von zwei Milliarden Mark, der riesige Immobilienbesitz mit 40 000 Wohnungen sollte dagegen nur 440 Millionen Mark wert sein. Die Stadt Salzgitter war damals nahezu identisch mit dem Staatsunternehmen. Pikant angesichts der niedrigen Taxierung des Immobilienvermögens: es war allein mit zehn Milliarden Mark versichert. Da jedoch die Preussag wegen vertraglicher Bindungen in den nächsten zehn Jahren höchstens 2500 Wohnungen verkaufen dürfe, wurden sie niedriger angesetzt. Mehrere Tausend Hektar Bauland, Ackerland und Wald gab’s ohne Bewertung einfach so dazu.

Schon 1988 hatte Friedel Neuber seinen „Ziehsohn“ Michael Frenzel als Vorstandsmitglied zur Preussag geschickt. Als Frenzel im Januar 1994 Vorstandschef wird, kann er den Geldsegen aus Salzgitter gut gebrauchen. Zwar glaubte die Bundesregierung unter Helmut Kohl, die vertragliche Bindung für den attraktiven Immobilienbestand fest genug gezurrt zu haben – dennoch verscherbelte die Preussag bis 1997 rund 8500 zum Teil sozialgebundene Wohnungen, Geld, dass bald darauf in die horrend teuren Tourismusprojekte von Neuber und Frenzel gepumpt wird.

So beginnt in den neunziger Jahren der zweite Akt des Stücks: die milliardenschweren Erlöse aus der nun geplünderten Salzgitter werden im unübersichtlichen Konglomerat Preussag verteilt. Zeitweise besteht der Konzern aus über 500 Unternehmen, zumeist in der Stahl-, Anlagenbau- und Energiebranche. Diese Unternehmen gelten auf dem Weg der Preussag in Richtung Touristikmulti natürlich als „Altlasten“, die abgestoßen werden sollen.

Der Überblick ging dabei zuweilen verloren. So häufte etwa die Anlagenbau-Tochter Noell zwischen 1994 und 1998 Verluste von rund 1,5 Milliarden Mark auf. Allein die Kosten des von ihr erstellten Staudamms Robert C. Byrd überstiegen die Auftragssumme um das Siebenfache. Immer wieder nahm man Aufträge für Projekte an, die man noch nie zuvor realisiert hatte.

Interne Noell-Berechnungen, die der WELT vorliegen, belegen, dass die Preussag-Tochter allein im Laufe des Jahres 1996 mit einer „Planabweichung“ von 465 Millionen Mark zurechtkommen musste. Ein guter Teil davon wurde bei der amerikanischen Tochter Noell Inc. „untergebracht“ und für den deutschen Beobachter unsichtbar gemacht. Auch der Ausflug in die Telekommunikation, an dessen Ende die Firma Hagenuk pleite war, brachte rund eine Milliarde Miese.

Doch das gigantische Loch von insgesamt 2,5 Milliarden Mark fiel außen Stehenden nicht auf. Geschickt wurden alle möglichen Einmal-Erlöse aus dem Vermögen anderer Töchter zur Kaschierung eingesetzt. Auch im Aufsichtsrat wurde darüber gesprochen, Konsequenzen wurden keine gezogen. Im Jahr 1997 erreichte die Kreativität der Buchhalter offenbar ihren Höhepunkt. Das frühere Vorstandsmitglied, Hans-Joachim Selenz, weigerte sich im Januar darauf gar, den Jahresabschluss zu unterzeichnen – ein einmaliger Vorgang, der nicht nur zu lautstarken Wutausbrüchen Neubers, sonden Anfang Februar auch zur Trennung der Preussag von Selenz führte.

Er wirft dem Unternehmen heute gegenüber der Staatsanwaltschaft „Bilanzmanipulation“ vor. Die Erträge aus den Wohnungsverkäufen sowie Erträge im Firmenverbund aus der Auflösung von Rückstellungen und der Veräußerung anderer Vermögensgegenstände seien mit den operativen Verlusten der Noell und der Hagenuk verrechnet worden. Innerhalb der Preussag, so Selenz, habe man augenzwinkernd vom „Umrubeln“ gesprochen.

Dieser angebliche operative Gewinn der Preussag hatte im Übrigen gleich einen doppelten Effekt: zum einen wurde eine Dividende an die nichts ahnenden Aktionäre gezahlt. Zum anderen bescherte sie dem Aufsichtsrat ein fettes Zubrot.

Dass der Vorwurf der Quersubventionierung nicht aus der Luft gegriffen ist, belegt ein Vorgang im Wirtschaftsausschuss des niedersächsischen Landtages. Am 28. November 1997 spricht Wolfgang Schultze, SPD-Abgeordneter und damals Preussag-Vorstand, wohl versehentlich die Wahrheit aus: Es habe „eine nicht unerhebliche Quersubventionierung für den Anlagenbau . . . und für den Werftbereich gegeben“. Er wolle „hier aus ganz bestimmten Gründen keine Beträge nennen, aber ich kann sagen, dass sich das dann, wenn man den Kaufpreis auf der einen Seite sieht, und das, was dann im weiteren Verlauf an Subventionierung, an Übernahme und an Vermeidung von Entlassungen geleistet wurde, ganz gut ausgleicht.“

Im dritten Teil des Krimis sind die Beteiligten damit beschäftigt, die Milliardenlöcher nicht nur intern, sondern auch nach außen unsichtbar zu machen. Der Preussag-Jahresabschluss 1996/97 lässt die schlimmsten Zahlen so dreist verschwinden, dass Selenz am 7. Januar 1998 schriftlich eine Sonderprüfung durch einen zweiten Wirtschaftsprüfer fordert. Sein Unbehagen angesichts des Prüfer-Teams der „C+L Deutsche Revision“ war offenbar nicht ganz unbegründet: deren Prüfer sind für die Preussag seit den achtziger Jahren tätig. Sie schrieben damals – noch als „Treuarbeit“ – auch das umstrittene Salzgitter-Immobilien-Gutachten. Und sie sind bis heute, inzwischen unter „Pricewaterhouse Coopers“, auch Hauptprüfer der WestLB.

Für das Geschäftsjahr 1996/97 absolvierten sie für die Preussag eine besonders waghalsige Nummer. Denn obwohl das Vorstandsmitglied Selenz am 7. Januar eine Sonderprüfung forderte und dabei ausdrücklich Zweifel an der „Vertragskonformität“ der Preussag in der Immobilienfrage formulierte und nach der 2,5 Milliarden DM umfassenden Quersubventionierung fragte, testierten die Prüfer zum 12. Januar seelenruhig den Jahresabschluss.

Auffällig ist nur: weder im Geschäftsbericht noch im Bundesanzeiger, in dem die Testate veröffentlicht werden, sind Unterschriften unter den Dokumenten zu finden. Ist dies angesichts des im Raume stehenden 2,5 Milliarden-Betrugs-Vorwurfs der Versuch einer vorsorglichen Absicherung?

„Der Jahresabschluss enthält alle für einen ordnungsgemäßen Jahresabschluss notwendigen Unterschriften und wurde vom Aufsichtsrat verabschiedet. Die Vorwürfe entbehren jeglicher Grundlage“, erklärte ein Unternehmens-Sprecher der TUI (vormals Preussag) auf Anfrage der WELT.

Sicher wurden aber die seltsamen Volten der Prüfer dadurch erleichtert, dass der damalige C+L-Chef und der für die Preussag zuständige Leiter der Hannoveraner Niederlassung mit Ehefrauen von Friedel Neuber nach Atlanta zu den Olympischen Spielen eingeladen wurden. Im August des umstrittenen Geschäftsjahrs verfeierte eine illustre Runde, an der neben den Wirtschaftsprüfern auch Preussag-Vorstandvorsitzender Michael Frenzel teilnahm, auf Einladung des WestLB-Chefs und Preussag-Aufsichtsratsvorsitzenden Neuber rund 800.000 Euro.

Aber nicht nur die Unterschriften der Wirtschaftsprüfer fehlen unter dem Preussag-Abschluss-Testat. Auch der Vorstand des Unternehmens, in den Jahren davor und danach stets den Vorschriften gemäß mit Namen und Unterschrift präsent, hat nur kollektiv als „Der Vorstand“ unterzeichnet – keine Unterschriften, keine Namen. Sonst wäre ja auch aufgefallen, dass der Jahresabschluss bis heute von Selenz, der erst knapp vier Wochen später das Unternehmen verließ, nicht unterzeichnet wurde. Dem arglosen Leser des Geschäftsberichts wird hingegen vorgespiegelt, der Vorstand habe in seiner Gesamtheit unterschrieben. Die Wirtschaftsprüferkammer hat am Dienstag angekündigt, deswegen bei PwC genauer nachzufragen.

Der Preussag/TUI-Konzern ist sozialdemokratisch dominiert, ein Produkt öffentlicher Wirtschaft unter den Augen der Landesregierungen von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Der damalige Ministerpräsident Gerhard Schröder, hinter dessen Rücken Neuber im Januar 1998 die profitable Preussag Stahl an die Österreicher verkaufen wollte, weiß um Leichen in Neubers Keller. Als er den Verkauf in einem hitzigen Gespräch in Düsseldorf in letzter Minute stoppte, drohte er, so berichtet ein Teilnehmer, unterschwellig. „Schröder wusste um die katastrophalen Entwicklungen bei der Preussag. Bereits im Dezember 1997 hatte er vor dem niedersächsischen Landtag eingeräumt, dass nach seinen Recherchen Geschäftsbereiche mit deutlich schlechterem Ergebnis operierten als die Stahlabteilung.

Aber die Politik-Connection ist im Unternehmen gut verankert. So wirkt neben Neuber im Aufsichtsrat und Frenzel als Vorstandsvorsitzendem auch der frühere österreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky im Aufsichtsgremium mit. Und durch die parteilose Frenzel-Vertraute, Susanne Knorre, früher Preussag-Kommunikationschefin mit Prokura und heute Wirtschaftsministerin in Hannover, hat der Konzern einen guten Draht in die SPD-Landesregierung.

Immer drängender fragen Aktionäre heute nach dem „Preussag-Schrott“ und seinem Verbleib in den letzten Jahren. Wohin wurden die unrentablen Anteile verschoben? Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, sprach in der WELT bereits von „kaum durchschaubaren Transaktionen zwischen Preussag und Babcock“. WestLB und Tochter Preussag hielten 43 Prozent an Babcock, mehrere Mitarbeiter der Preussag wechselten in Vorstand und Aufsichtsrat von Babcock. Hinter vorgehaltener Hand sprechen Insider bereits davon, dass die Preussag ihre Verlustbringer über die Babcock „sozialisieren“ wollte.

Tatsache ist: die miserabel geführte Noell ging zum 1. Oktober 1998 an Babcock – und die Altlasten gleich mit. Damals machte die Preussag-Noell einen Jahresumsatz von 1,9 Milliarden Mark – aber keinen Pfennig Gewinn. Ein gutes Geschäft für die Preussag, trotz des Fischreichtums an manchem Pleiteprojekt kein guter Fang für die Babcock. Er trug zu ihrem Ersticken bei.

Quelle: DIE WELT vom 18. Juli 2002

Was haben Bayerische Politiker 1999 eigentlich gemacht?

23. Dezember 1999 Pressemitteilung-Nr. 384 /99

Industriepolitik / Preussag Noell GmbH Würzburg

Wirtschaftsminister Wiesheu und Arbeitsministerin Stamm setzen sich für Erhalt der Arbeitsplätze bei Noell in Würzburg ein / Umstrukturierung soll im engen Kontakt mit der Staatsregierung vor sich gehen

Stamm und Wiesheu: "Möglichst viele Arbeitsplätze sichern"

MÜNCHEN   Bayerns Arbeitsministerin Barbara Stamm und Wirtschaftsminister Otto Wiesheu setzen sich für eine tragfähige Lösung der Situation bei Noell in Würzburg ein. In einem Gespräch mit dem Vorstandsvorsitzenden der Babcock Borsig AG, Klaus Lederer, und dem Geschäftsführer der Preussag Noell GmbH, Hans-Joachim Schmidt, haben sie über die Zukunft des Unternehmens in Würzburg diskutiert. Stamm und Wiesheu: "Wir haben die Unternehmensleitung gedrängt, möglichst viele Arbeitsplätze in Würzburg zu erhalten. Die Unternehmensteile, die nicht mehr zum künftigen Kernbereich gehören, sollen an Erwerber veräußert werden, die das Geschäft auf eine tragfähige Basis stellen und langfristig fortführen."

Würzburg wird in der neuen Strategie von Noell auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Das Unternehmen steht in einer schwierigen Phase der Umstrukturierung. Eine Neuausrichtung ist notwendig, damit das Unternehmen langfristig wieder in die Gewinnzone kommt. Bei einigen Geschäftsbereichen bestehen Überschneidungen innerhalb des Konzerns, die eine Rationalisierung und Konzentration erfordern. Während sich die Bereiche Energie- und Umwelttechnik gut in das Programm der Babcock einfügen, sollen der Kranbau und die Hafentechnik in einer neuen Struktur veräußert werden. Alle diese Bereiche bleiben am Standort. Für den Bereich Stahlbau wird ein Partner gesucht.

Stamm und Wiesheu: "Die Unternehmensleitung hat uns zugesichert, bei den geplanten Umstrukturierungsschritten einen engen Kontakt zur Staatsregierung zu halten. Wir werden die Umstrukturierungen begleiten und im Sinne einer für alle Seiten vernünftigen Lösung unterstützen."

Was berichtete die neue Preussag noch im Bericht zum 3. Quartal 1997/1998 unter dem Titel "Gutes Geschäft" ?

Die Restrukturierung der Preussag Noell-Gruppe wurde konsequent fortgesetzt. Die Anpassung der Strukturen ist weit fortgeschritten. Begonnen wurde mit der Neustrukturierung des Produktionsnetzwerkes. Der Auftragseingang blieb etwas unter den Vorquartalswerten. Gut die Hälfte entfiel auf den Bereich System und Maschinentechnik. Hierzu haben vor allem Abschlüsse im Bereich Kranbau und Hafentechnik beigetragen. Im Geschäftsbereich Energie- und Umwelttechnik sind Aufträge über zwei Rauchgasentschwefelungsanlagen aus Dänemark und Italien hervorzuheben.

Literaturtipp:

"Wildwest auf der Chefetage" von Hans-Joachim Selenz, Verlag BUCH&media, ISBN 3-86520-140-7

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